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Neue globale Währung Libra?

Seit dem 19. Juni sorgt die Ankündigung für die neue globale Währung Libra für helle Aufregung, insbesondere bei den Vertretern der alten staatlichen Währungen. Diese privat emittierte digitale Weltwährung ist eigentlich kein Grund für schlaflose Nächte, denn fast täglich erblickt eine neue Kryptowährung in einem Hinterhoflabor das Licht der Welt. Wenn aber Facebook, eine Plattform mit 2,7 Milliarden Nutzern, zusammen mit anderen Giganten, wie z.B. eBay, MasterCard, Visa, Uber und PayPal die Initiative ergreift, bekommt die geplante Neugeburt (2020) eine doch etwas andere Dimension.

Bundesbankvorstand Dr. Joachim Wuermeling befürchtet in einem FAS-Interview eine Rückkehr des Wilden Westens im Geldsystem (siehe Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 23. Juni 2019 / Frage: Gab es früher mal Wilden Westen im Geldsystem mit negativen Auswirkungen?). Der Finanzausschuss im amerikanischen Abgeordnetenhaus fordert ein Moratorium. Weltweit zeichnet sich aber bei den Vertretern staatlicher Instanzen Einigkeit ab: Regulierung ist die einzige Antwort auf die Zentralbankspielereien dieser weltweiten Hydra.

Der Libra-Plan, dargelegt in einem White Paper und mehreren weiteren Hintergrunddokumenten, hat viele spannende Aspekte: Geldordnung, Zahlungssystem, Datenschutz, Geldwäsche, Weltverbesserung, Klimaneutralität der Blockchain-Technologie, Regulierungsdefizite, Privatisierung der Geldemission, Macht digitaler Weltkonzerne, finanzielle Inklusion, usw. Allen, die sich bislang mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt haben, empfehle ich Susanne Grohés Beitrag zur neuen Kryptowährung Libra.

Bevor wir uns in die Niederungen einer ersten aufsichtsrechtlichen Einschätzung begeben, möchte ich die Libra zuerst noch etwas aus der volkswirtschaftlichen Vogelperspektive betrachten.

Globale Währung Libra? Begriffsverwirrung

Die Libra-Initiatoren bezeichnen Libra als „global currency“. Bitcoin & Co. werden oft als Kryptowährungen oder in der neuen EU-Geldwäscherichtlinie (5AMLD) als virtuelle Währungen (virtual currencies) bezeichnet, auch wenn in der Praxis bei manchem Kryptowert die elementare Zahlungsfunktion abhandengekommen ist. Der Begriff „Währung“ wird oft im Kontext eines staatlich geregelten Geldwesens benutzt. In diesem Sinne ist natürlich der Begriff für die Bitcoins dieser Welt irgendwie fehl am Platz, solange nicht eine Zentralbank mit der Ausgabe einer „CBDC“ (Central Bank Digital Currency) startet. Das Gleiche gilt für den Begriff „Fiat-Geld“, der derzeit ausschließlich für staatliche Währungen genutzt wird, wobei die Kryptowährungen genauso „fiat“ sind. Die begrifflichen Pflöcke sind halt (falsch) gesetzt, es lässt sich nicht mehr ändern. Wir passen uns an.

Libra: Nomen est omen

Libra hört sich nach Freiheit an. Ein spätes Echo der ursprünglich libertären-anarchistischen Motive der ersten Kryptogeld-Generation, die das staatliche Geldmonopol brechen wollten? Eher nicht. Es ist auch keine Reminiszenz an das Sternbild Waage (lateinisch Libra), denn Zuckerberg ist bekanntlich ein Löwe. Das Libra-Logo (3 wellenförmige Striche) könnte auf die Wasserwaage hindeuten.

Auf jeden Fall gab es die Libra schon in der Spätantike als Währung. Das Geld hatte noch seinen intrinsischen Wert und wurde bei Bezahlung oft gewogen. Das monetäre Pfund erhielt Bezeichnungen wie Pondus, Livre oder Libra. Das UK-Pound-Zeichen £ als stilisierter Buchstabe L erinnert uns an den analogen und schwergewichtigen Libra-Vorgänger.

Ist die Libra aber eine neue Währung oder eher ein neues weltweites Zahlungssystem auf Basis der Blockchain-Technologie? Und: Warum braucht die Welt eine globale Währung Libra? Fangen wir bei der letzten Frage an.

Welt verbessern oder mit Geld Geld verdienen?

Die neue globale Währung Libra soll die Welt verbessern:

more access to better, cheaper, and open financial services (S. 12, Libra White Paper)

Dieses Ziel soll über

a stable currency built on a secure and stable open-source blockchain, backed by a reserve of real assets, and governed by an independent association (ebd.)

erreicht werden. Für das wichtigste ideelle Ziel der Inklusion und preiswerter Zahlungs- und Finanzdienstleistungen für 1,7 Milliarden „unbanked“ Erwachsene werden die Libra-Initiatoren sicherlich Beifall erhalten. Mittels der Blockchain-Technologie können die Kosten eines weltweiten Internet-Zahlungssystems (oder breiter gefasst als „ecosystem of financial services“) vermutlich gesenkt werden. Im Vordergrund steht ein Zahlungssystem oder mehrere interoperable Zahlungssysteme.

Für sämtliche Ziele der Libra als neues und besseres Zahlungssystem braucht man aber keine neue Währung. Manche Beobachter vermuten die Gewinnung von Daten aus Zahlungstransaktionen als „hidden agenda“ der Libra. Auch für dieses profane Ziel braucht man keine neue Währungseinheit. Wie in Montenegro der Euro und in Venezuela (schwarz) derzeit der US-Dollar genutzt werden, könnte sich das Libra-Zahlungssystem auf eine oder mehrere stabile Fiat-Währungen festlegen. Um das Dilemma der Volatilität eines Bitcoins zu verhindern, braucht man keine Korbwährung.

Es ist sicherlich kein Geheimnis, dass die versammelten Investoren mit der Libra nicht nur die Welt verbessern, sondern auch einfach Geld verdienen wollen. Mit Geld (aus dem Nichts) schöpfen, kann man viel Geld verdienen. Die Zentralbank „Libra Association“ gibt Libra in Tausch gegen herkömmliche staatliche Währungen („fiat money“) heraus. Das Fiat-Geld landet nicht irgendwo in einem Geldspeicher und verschwindet damit nicht aus dem volkswirtschaftlichen Kreislauf, sondern die Libra Association legt das eingenommene Geld analog der Zusammensetzung des Währungskorbs als Bankeinlagen oder Staatsanleihen wieder an. Da die im Blockchain dezentral verbuchten Libra-Guthaben Geld darstellen, steigt die volkswirtschaftliche Geldmenge. Die Erträge der Geldschöpfung fließen zuerst in Aufbau und Instandhaltung des neuen Zahlungssystems, anschließend als Rendite in die Taschen der Investoren.

Eine Beteiligung der Libra-Endnutzer ist ausdrücklich nicht vorgesehen. Auch für dieses lukrative Geschäft braucht man keine neue Korbwährung. Man hätte das gleiche Geschäft realisieren können mit einer Libra, die wertmäßig einfach an den Euro oder Dollar gebunden ist. Da die Libra Association bereits die Schweiz als Standort auserkoren hat, würde sich doch der Schweizer Franken anbieten.

Gedeckt durch reale Vermögenswerte?

Vielleicht ist die Akzeptanz einer neuen Währung höher, wenn man suggeriert, dass die neue Währung „gedeckt“ ist:

Libra is fully backed by a reserve of real assets

und

It is backed by a reserve of assets designed to give it intrinsic value (S. 3, Libra White Paper).

Unter “intrinsic value” versteht man üblicherweise Warengeld (z. B. eine Goldmünze) oder Geld, das durch reale Werte (Waren) gedeckt ist (z. B. das historische Goldwährungssystem). Nun ist Fiat-Geld genau das Gegenteil vom Warengeld:

Ein Objekt ohne inneren Wert, das als Tauschmittel dient. (Wikipedia).

Heiße Luft bleibt heiße Luft, auch wenn es zu jedem Zeitpunkt gegen andere heiße Luft umgetauscht werden kann. Die Libra hat damit die gleiche Qualität einer Sichteinlage in einer staatlichen Währung bei einer Bank. Am Ende der Umtauschkette steht ein Stück Papier, das man bei seinem Herausgeber (Zentralbank) höchstens gegen eine frisch gedruckte Banknote umtauschen kann. Alles Fiat und keine „real assets“!

Im White Paper wird ein Vergleich mit der Entstehungsgeschichte des heutigen Fiat-Geldes gezogen (S. 7, Libra White Paper):

This approach is similar to how other currencies were introduced in the past: to help instill trust in a new currency and gain widespread adoption during its infancy, it was guaranteed that a country`s notes could be traded in for real assets, such as gold”.

Eine nette, aber erfundene Geschichte. Der historische Übergang von einer Warenwährung zu einer nicht länger durch Waren gedeckten Währung hat aber mit der Implementierung einer neuen Währungseinheit nichts zu tun. War denn der Euro als neue Währung zuerst durch „real assets“ gedeckt, damit wir das neue Geld akzeptieren würden? Keineswegs, es war ein politischer Beschluss und eine erzwungene Akzeptanz als gesetzliches Zahlungsmittel mittels staatlicher Gewalt.

Interessant ist auch hier die lockere Interpretation des Begriffs „real assets“, worunter sowohl Fiat-Geld als auch Gold subsumiert werden können. Bemerkenswert ist die Aussage dennoch. Ist die Libra nur beim Start und in der Anfangszeit (Kindheit) bis zu seiner Etablierung „gedeckt“? Die Libra-Zentralbank („buyer of last resort“) behält sich ausdrücklich das Recht vor, die Zusammensetzung der Korbwährung im Laufe der Zeit mittels eines Mehrheitsbeschlusses zu ändern. Steht am Ende der Kindheit eine erwachsene private Währung ohne „Deckung“ mit freien Wechselkursen zu den herkömmlichen staatlichen Währungen? Eigentlich spricht nichts gegen dieses Szenario. Das Ergebnis wäre ein Revolution in der Geldevolution. Die neue globale Währung Libra: Eine echte internationale Währung ohne Bezug zu einem geografischen begrenzten Nationalstaat oder zu einer Staatengemeinschaft.

Nun ist auch in unserer heutigen („alten“) Geldordnung die private Geldschöpfung bereits weit verbreitet. Das meiste in Umlauf befindliche Geld (Giralgeld der Geschäftsbanken) wird heute schon privat geschöpft. Allerdings beruht das System auf einer regulierten Abhängigkeit des privaten Giralgeldes zum Zentralbankgeld (Bargeld und Sichteinlagen bei der Zentralbank). In letzter Sekunde hatte die EZB um die Jahrtausendwende diese Abhängigkeit auch für das neue E-Geld in der ersten E-Geld-Richtlinie verankert (Ausgabe und Rücktauschpflicht zum Nennwert). Bedingt durch die Libra-Selbstverpflichtung der 100%-Deckung und des jederzeitigen Rücktausches zum Nennwert des Währungskorbs ist diese Abhängigkeit zum Zentralbankgeld der involvierten Währungen wie beim E-Geld bis auf weiteres gegeben. Das von den Zentralbanken befürchtete Entstehen autonomer Geldkreisläufe wäre damit – wie beim herkömmlichen E-Geld – unterbunden. Auch die Effektivität geldpolitischer Transmissionsmechanismen wird durch die Libra nicht weniger oder mehr tangiert als durch andere E-Geld-Formen. Liebe Zentralbanker: Kein Grund zur Beunruhigung.

Aber die zentrale Frage bleibt: Warum braucht das Libra-Zahlungssystem eine eigene Währung, deren Wert durch einen Korb existierender Fiat-Währungen gebildet wird? Die irreführende Werbung (Deckung durch „real assets“) haut den potentiellen Nutzer sicherlich nicht vom Hocker. Sämtliche ideelle Ziele lassen sich genauso gut mit der wertmäßigen Verankerung an einem stabilen Fiat-Geld realisieren. Bislang fällt mir als triftiger Grund nur die Korbwährung als Zwischenstation der Libra auf dem Weg zum längerfristigen Ziel einer genuinen entnationalisierten internationalen Währung ein.

Neue globale Währung Libra in guter und schlechter Gesellschaft

Die Libra kann voraussichtlich in Ländern mit „schlechten“ Nationalwährungen (Inflation, Devisenbewirtschaftung, Wechselkursregulierung, Zahlungsverkehrsbeschränkungen, regelmäßiger Währungsschnitt, usw.) ihr größtes Potenzial entfalten. Je nachdem, ob es den jeweiligen nationalen Regierungen gelingen würde, den Handel (An- und Verkauf durch nationalen Reseller), Verwendung und Kassenhaltung der Libra einzuschränken, könnte die Libra in diesen Ländern zu einer informellen Zweitwährung oder sogar zur Erstwährung im bargeldlosen Zahlungsverkehr aufsteigen und die schlechte Nationalwährung verdrängen.

Aber warum sollte ich z.B. im Euroraum eine zusätzliche, unverzinsliche Transaktionskasse in Libra halten? Ich hätte zuerst zusätzliche Transaktionskosten (Umtausch Euro in Libra, zusätzliche Kassenführung), Informationskosten (das Rechnen in einer zusätzlichen Währung) und dazu noch ein Wechselkursrisiko. Die Vorteile der Nutzung des Libra-Zahlungssystems müssten für Zahler und Zahlungsempfänger höher sein als die Kosten, die durch die Verwendung einer zusätzlichen Währung entstehen. Wenn 99% meiner täglichen Zahlungen im Inland bzw. in Euro erfolgen, ist die Substitution durch Libra eine sinnlose und überflüssige Hürde. Die Marktpenetration der Libra wird demnach in Ländern mit „gutem“ Geld von dem Libra-Zahlungssystem abhängen, das gegenüber existierenden online-Zahlungssystemen aus Anwendersicht wesentlich besser sein muss. Das White Paper enthält kaum Aussagen zum globalen Zahlungssystem außer vagen Prädikaten wie „instantly, securely, and at low cost“ (S. 7, Libra White Paper).

Eine Bedrohung für die Alteingesessenen?

Ist die Libra für die traditionellen Banken und Zahlungsdienstleister (PSP) eine Bedrohung?

Die Antwort ist abhängig von der noch offenen Frage, ob die Libra und ihre Zahlungsdienstleister etwaige Regulierungslücken ausnutzen können und damit gegenüber den traditionellen Fiat-Geld-Spielern einen Wettbewerbsvorteil erringen können. Das Libra-Ecosystem soll jedem offen stehen. Wenn die herkömmlichen Banken und PSP regulatorisch nicht benachteiligt werden, bietet die Libra ein interessantes Geschäftsfeld. Aus deren Sicht ist die Libra einfach eine neue zusätzliche Währung, die allerdings auf einer neuen Technologie basiert. Es wäre zu überlegen, ob diese traditionellen Player die Libra nicht auch für herkömmliche, dem Verbraucher vertraute kontenbasierte Produkte nutzen können (z. B. eine Libra-Sichteinlage oder eine Libra-Kreditkarte). In diesem Fall hätten die regulierten Banken und PSP sogar einen Wettbewerbsvorteil.

Der Libra-Glaube

Zum Schluss noch zwei Sätze aus dem „Libra-Glaubensbekenntnis“ (Libra White Paper, S. 2):

We believe that people will increasingly trust decentralized forms of governance.

Diesen Glauben kann man teilen oder auch nicht, aber warum soll die Libra dann von einer zentralen Instanz (Libra Association) geregelt und gesteuert werden? Der übliche Spagat zwischen Theorie und Praxis in einer Glaubensgemeinschaft?

We believe that a global currency and financial infrastructure should be designed and governed as a public good.

Die Merkmale öffentlicher Güter (z. B. Landesverteidigung, Straßenbeleuchtung und neuerdings Klimaschutz) sind die Nicht-Rivalität und Nicht-Ausschließbarkeit im Konsum. Öffentliche Güter werden in der Regel vom Staat bereitgestellt, da der Marktmechanismus meist nicht funktioniert. Die Exegese dieses Glaubenssatzes ist nicht einfach. Freier, nicht rivalisierender Zugang zur Libra und zum Libra-Zahlungssystem? Inklusion für alle oder sogar Zwangsinklusion für alle (bei dem Konsum der Landesverteidigung und der Straßenbeleuchtung kann ich auch nicht aussteigen)? Wenn ich eine Libra in der Kasse habe, kann diese Libra nicht gleichzeitig von meinem Nachbarn genutzt werden. Wie soll die Libra als öffentliches Gut konstruiert werden? Unbegrenzte Libra-Geldschöpfung als Helikopter-Geld? Kann bzw. soll ein Firmenkonsortium ein öffentliches Gut produzieren und dabei Geld verdienen? Der Glaube enthält so manches Mysterium, das nicht enträtselt werden sollte.

 

 

Cover picture: Copyright © fotolia /Vesna

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